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Vom deutschen Michel

[Kurzfassung eines Textes, der 1994 in den Seelzer Geschichtsblättern Nr. 9 veröffentlicht wurde - bearbeitet von Norbert Saul 2007]

Die Broschüre "Beiträge zum Dreißigjährigen Krieg im Raum Seelze" (Heft 9 der Seelzer Geschichtsblätter, 1994, 64 Seiten DIN A4) schicken wir Ihnen für 5,50 Euro (incl. Versand) gern zu. Bestellung: archiv@stadt-seelze.de

Zum Leben Michael von Obentrauts, dem auch der Name "deutscher Michel" beigelegt wurde, siehe gesonderten Beitrag hier: Biografie Michael von Obentraut.

Mutiger Kämpfer und trotteliger Zipfelmützenträger?

Deutscher Michel - diesen achtungsvoll ehrenden Beinamen verbinden viele mit der Person Michael von Obentraut. Doch wie paßt die bei Obentraut als Ehrenname gemeinte Bezeichnung mit der bekannten und bis heute populären Karikatur des gutmütig-trotteligen Zipfelmützenträgers gleichen Namens zusammen? Woher stammt überhaupt die Bezeichnung ,deutscher Michel'?

Die folgenden Ausführungen basieren auf der das Thema umfassend analysierenden Dissertation "Der deutsche Michel" von Bernd Grote.

Der ungebildete ,deutsche Michel'

Eindeutig nachzuweisen ist der Gebrauch des Namens deutscher Michel erstmals für das 16. Jahrhundert (Sprichwörtersammlung des Sebastian Franck, 1541), zu dieser Zeit muß er aber schon recht bekannt gewesen sein. Der Humanismus mit seiner Rückbesinnung auf die Antike hatte die Aufwertung des klassischen Latein als Bildungssprache mit sich gebracht, und als ,deutscher Michel' wurde in diesem Zusammenhang in abfälligem Sinne ein nur des Deutschen kundiger, ungebildeter, grober, bäuerischer Mensch bezeichnet. Die Verwendung des Namens in diesem Sinne läßt sich noch für das Jahr 1843 nachweisen.

Wandlung zum Ehrennamen?

Gerade gegen die Überheblichkeit der akademischen Lateiner und "wider alle Sprachverderber" (nämlich der deutschen Sprache) richteten sich im 17. Jahrhundert sogenannte Sprachgesellschaften, die Pflege und Gebrauch der Muttersprache propagierten. In zahlreichen Veröffentlichungen (erster Nachweis 1638) wurde nun der ,deutsche Michel' ins Tugendhafte umgedeutet, und stand bei den "Sprachschützern" für ehrliche deutsche Einfachheit und Geradheit.

,Michel' zwischen den Fronten

Ein Name, eine Symbolfigur mit zwei sich direkt widersprechenden Bewertungen, der ,deutsche Michel' als Kampfbegriff: Bernd Grote meint, daß die bis heute so widerspruchsvolle Gestalt des deutschen Michels genau hier, "zwischen den Fronten", ihren Ursprung habe; denn dies sei "gerade der rechte Ort, wo er eine Ambivalenz gewinnt, die ihn später zur Nationalfigur befähigt: Dummkopf, Barbar, Grobian einerseits - Verteidiger der Reinheit der Muttersprache andererseits; in einer Sache, für und gegen diese Sache eingesetzt zu werden, negativ und positiv zugleich zu erscheinen, ist eine wesentliche Eigenschaft auch des späteren deutschen Michels ." (S. 40 f)

Obentraut als ,Deutscher Michel'

Doch im 17. Jahrhundert wird der Name ,deutscher Michel' noch ein weiteres Mal vergeben - parallel zu der Auseinandersetzung um den Wert der deutschen Sprache, jedenfalls ohne einen eindeutig erkennbaren Zusammenhang mit den schon geläufigen Bedeutungen. Der seinerzeit offenbar sehr populäre Kavallerieoffizier Michael von Obentraut wurde nachweisbar erstmals 1669, über 40 Jahre nach seinem Tod bei Seelze, in einem Werk von Philipp Andreas Burgoldensis (Oldenburger) mit dem Beinamen "Michael Germanicus (Der Teutsche Michael)" belegt.

1701 behaupteten Ziegler und Kniphausen in ihrem "Historischen Labyrinth", daß Obentraut der respektvolle Ehrenname ,deutscher Michel' von seinen spanischen Gegnern im pfälzischen Krieg (1620/22) verliehen worden sei, und seit 1732 trug Obentraut diesen Beinamen auch in Zedlers Konversationslexikon.

Doch der Historiker Emst Boehlich, der Zieglers Version von der Namensgebung durch die Spanier überprüfte 1), fand in den zeitgenössischen Quellen nicht den kleinsten Beleg für diese Geschichte. - Aber wie dem auch sei: der ,deutsche Michel' als Ehrenname für den - aus Sicht der damaligen Zeitgenossen - wagemutigen, geraden und ehrlichen Soldaten Obentraut war im 18. Jahrhundert neben den schon genannten Bedeutungen zweifellos populär.

,Vetter Michel': der deutsche Spießer

Im Verlaufe desselben Jahrhunderts überlagerte eine vierte Variante die etablierten Michel-Bilder, der ,Vetter Michel' als Inbegriff des kleinkarierten deutschen Spießers, den u.a. Goethe in einem Spottgedicht verewigte. In Anlehnung an ein seinerzeit beliebtes volkstümliches Lied legte er einem dieser selbstzufriedenen Philister folgende Worte in den Mund:

Laß den Witzling uns besticheln!
Glücklich, wenn ein deutscher Mann
Seinem Freunde Vetter Micheln
Guten Abend bieten kann!
Wie ist der Gedanke labend:
Solch ein Edler bleibt uns nah!
Immer sagt man: Gestern abend
War doch Vetter Michel da!

(Zit. nach Grote S. 46 f)

Bernd Grote weist darauf hin, daß die spätere ,Nationalfigur' deutscher Michel erkennbare Züge dieses Vetters Michel aufweist und daß wahrscheinlich auch die späterhin unentbehrliche Zipfelmütze hier ihren Ursprung hat. "Nachtmütze oder Schlafmütze waren schon lange als Bezeichnungen für Leute von beschränktem Verstande und furchtsamer Natur gängig und paßten nur zu gut als Kopfbedeckung für Spießbürger." (S. 47)

,Michel' im Dienste deutscher Einheitsbestrebungen

Im ,Vormärz', also in der Zeit vor dem Revolutionsversuch von 1848, wurde der ,deutsche Michel' schließlich zu einer politischen und nationalen Figur, die zunehmend für "das Volk" stand. Auf ihn, den bis dahin zumeist ein wenig Trotteligen und Trägen, der zwar 1813 Napoleon aus dem Lande gejagt hatte, sich jedoch anschließend um die Früchte seiner Kraftanstrengung hatte bringen lassen, wurden in den 1840er Jahren von interessierter Seite große Hoffnungen gesetzt. (Beispielhaft dafür steht die "Michelsode" von Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1843. Der Autor knüpft direkt an die Spottfigur ,Vetter Michel' an und nimmt eine Umdeutung ins Tugendhaft-Tapfere vor - was an die diametral entgegengesetzten Namensdeutungen im 16. und 17. Jahrhundert erinnert.

Doch "der Michel" konnte die hohen Erwartungen, mit denen er befrachtet wurde, nicht erfüllen, was ihm nach der gescheiterten Revolution beißenden Spott eintrug, z.B. von Heinrich Heine 1851 in dem Gedicht "Michel nach dem März". Von da an war der deutsche Michel die nationale Schlafmütze, gutmütig, ein wenig beschränkt (und dennoch irgendwie liebenswert), einer, mit dem "man es ja machen kann". Die Karikaturisten hatten sich seiner bemächtigt, und trotz seiner eher ungünstigen Eigenschaften erfreute er sich wachsender Popularität.

Von der Jakobinermütze zur Schlafmütze: Karikatur "Michel und seine Kappe im Jahr 48" im ,Eulenspiegel' 1849 (aus: Grote)


Die Frage nach dem Ursprung

Und so drängte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Herkommen und Ursprung der Figur mit Namen ,deutscher Michel' auf. Viele gelehrte Männer bemühten sich, Antworten zu finden, die ihnen - nicht zuletzt vor dem politischen Horizont ihrer Zeit - sinnvoll erschienen; es wurden viele Theorien aufgestellt (und meist als bewiesene Gewißheiten verkauft), die dem deutschen Michel gleichsam eine möglichst lückenlose und ehrenhafte Ahnenreihe verschaffen sollten. Manche griffen auf den Erzengel Michael zurück, der im Zuge der Christianisierung der germanischen Vorfahren deren Gott Wodan ersetzt hat und dann als Schutzpatron des jungen Heiligen Römischen Reiches in zwei berühmten Schlachten des 10. Jahrhunderts das Reichsbanner zierte; andere fanden die Bezeichnung deutscher Michel schon auf die Deutschordensritter angewandt, suchten den Ursprung der Spottfigur bei den Kinderwallfahrten des 15. Jahrhunderts zum Mont St. Michel oder wiesen auf die Bedeutung des mittelhochdeutschen Adjektivs michel (= groß, mächtig, stark) für die frühe Beliebtheit des Personennamens Michel hin.

,Michel' verweigert sich einer gradlinigen Namensgenealogie

Dabei wurde viel Bemerkenswertes und nachweislich Richtiges zutage gefördert, doch wurden alle diese Theorien an dem Punkt abenteuerlich und glitten ins Spekulative ab, wo sie versuchten, eine durchgängige und logisch nachvollziehbare Entwicklungslinie zu konstruieren, die den heldenhaften Erzengel und Schutzpatron des Reiches mit der schlafmützigen Spottfigur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbinden sollte.

Vor einem ganz ähnlichen Problem standen auch die Vertreter einer Theorie, die Michael von Obentraut zum Urbild des deutschen Michels erklärte; denn auch sie waren nicht in der Lage, den Weg vom positiven Ehrennamen Obentrauts zum negativen Image der Spottfigur überzeugend zu erklären. Wann genau und von wem die Obentraut¬-Theorie erstmals formuliert wurde, läßt sich wohl nicht mehr nachvollziehen, 1865 wurde sie jedenfalls von J. Franck 2) referiert. Und obwohl sie schon bald durch den Hinweis widerlegt werden konnte, daß der Name ,deutscher Michel' bereits vor Obentrauts Lebzeiten im 16. Jahrhundert im Gebrauch war, wurde diese Theorie doch lange Zeit hartnäckig verteidigt und umkämpft - und wird bis heute immer wieder kolportiert.

"Bis 1918 sind alle Ingredienzien zusammengetragen, aus denen in der Folgezeit nach Belieben in unterschiedlicher Dosierung die Geschichte des Michels zubereitet wird. [.] je mehr die Diskussion aus der Fachliteratur in populäre Zeitschriften und in die Zeitungen umzieht - das geschieht etwa um die Jahrhundertwende [1900] -, desto bedenkenloser werden die einzelnen Bestandteile der Geschichte gehandhabt." (Grote S. 36)

Auch im 20. Jahrhundert viele Facetten

Je kritischer die internationale Lage im Vorfeld des 1. Weltkriegs wurde, desto häufiger verkörperte der Michel die unschuldige, aber wehrhafte deutsche Friedfertigkeit, wobei die Bezüge zum Erzengel Michael und zum Nibelungenhelden Siegfried betont wurden. Michels ehrliche deutsche Gutmütigkeit wurde als Gegensatz zur angeblichen "Verschlagenheit" anderer Völker dargestellt. Speziell Michael von Obentraut als ,deutscher Michel' mußte im 1. Weltkrieg wie auch im Vorfeld und Verlauf des 2. Weltkriegs verstärkt als nationales Soldatenvorbild herhalten.

 

Betrachten wir den heutigen ,deutschen Michel', wie er uns immer noch in vielen Karikaturen begegnet, so scheint sich an dem Grundcharakter dieser Figur seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nichts Entscheidendes mehr geändert zu haben. Bernd Grote weist jedoch darauf hin, daß "eine wesentliche Eigenschaft der Figur [...] die Fähigkeit zur Verwandlung" ist (S. 75), so daß sich letztlich eine Fülle von Michel-Bildern gleichsam um eine ruhende Mitte herumgruppiert, die so etwas wie den deutschen Nationalcharakter versinnbildlichen soll.
Der ,deutsche Michel' ist also durch die Jahrhunderte hin eine facettenreiche und z.T. in sich widersprüchliche Figur. Die Bedeutungsgeschichte erscheint als eine mehrgleisige, wobei manche Bedeutung, die der Name im Laufe der Zeit gehabt hat, nicht in spätere Bedeutungen einfloß, sondern für sich stehen blieb.

 


1) Johann Michael Elias Obentraut. Zur Geschichte und Legende des "Deutschen Michel", in: Boehlich, Heckel (Hg.), Bausteine. Festschrift für Max Koch zum 70. Geburtstage dargebracht, Breslau 1926
2) Der deutsche Michel, in: Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, Nürnberg - vgl. Grote S. 28

Quelle:
Bernd Grote, Der deutsche Michel. Ein Beitrag zur publizistischen Bedeutung der Nationalfiguren, Band 11 der Dortmunder Beiträge zur Zeitungsforschung, Dortmund 1967