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Zur Geschichte der Seelzer Junkernwiese

Woher kommt der Name Junkernwiese?

Die in einer Leineschleife gelegene Junkernwiese gehörte einst zum Seelzer „Junkernhof“, dem seit dem Mittelalter bestehenden adeligen Gutshof, und wurde offenbar volkstümlich nach ihm benannt. Nach der Flurnamensammlung des Landkreises Hannover (Weber 1994) taucht der Name in schriftlichen Quellen aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf.

Das Wort Junker ist hergeleitet von „junger Herr“, womit im Mittelalter ein junger Adliger gemeint war. Im 19. Jahrhundert wurde „Junker“ in Preußen als Bezeichnung für (adlige) Großgrundbesitzer gebräuchlich.

Das Seelzer Gut wurde schon im 19. Jahrhundert nicht mehr von der Eigentümerfamilie v. Hugo bewohnt, die Ländereien waren nach der Gemeinheitsteilung und Verkopplung (große Agrarreformen Mitte des 19. Jahrhunderts) größtenteils verpachtet. 1935 wurde das Gut vollständig aufgelöst, die Ländereien wurden verkauft. Die Junkernwiese teilten sich fortan viele Eigentümer, darunter auch die Gemeinde Seelze.

Die erste nicht landwirtschaftliche Nutzung:

Der Bau eines Schießstandes auf der Junkernwiese

Mitglieder der 1913 gegründeten „Bürgerschützengesellschaft Seelze“ bauten 1913/14 einen Schießstand auf einer gepachteten Fläche nahe der Böschung entlang dem Weg am Wehrberg, etwa dort, wo später einmal das Hallenbad gebaut werden sollte (s.u. Ortsplan 1967). Der Schießstand wurde am 24. Mai 1914 eingeweiht.

Außer dem Schießstand gab es auf der weiten Fläche der Junkernwiese lediglich den einen oder anderen Schuppen. Die meisten der von verschiedenen Seelzer Höfen und Kleinpächtern bewirtschafteten Parzellen wurden als Grünland genutzt, vor allem im südwestlichen Bereich nahe dem Dorf teils auch als Grabeland (s. Luftfoto 1953 weiter unten).

Mit regelmäßigen Überschwemmungen, die im Süden bis an den Wehrberg und im Westen bis an die Höfe und Häuser am Weg An der Junkernwiese heranreichen konnten, musste gerechnet werden. Eigentümer der Junkernwiese war weiterhin die Familie v. Hugo, die in Groß Munzel lebte und die Ländereien des Seelzer Gutes verpachtet hatte.

Nachdem die Gemeinde Seelze bei Auflösung des Gutes v. Hugo 1935 elf Morgen im Süden der Junkernwiese (zum Wehrberg hin) erworben hatte, ordnete der damalige Bürgermeister Karl Koropp umgehend den Ausbau des Schießstandes zur „Wehrsportanlage“ an. Die Schießbahn musste dafür um 25 Meter verlängert werden, und dies sollte in Gemeinschaftsarbeit aller arbeitsfähigen Männer der Gemeinde geschehen. Im Mai 1937 wurde die neue Anlage eingeweiht.

Auf der Junkernwiese soll ein modernes Sportgelände mit großzügigem Freibad entstehen

Seit 1920 hatte die Gemeinde Seelze ein Freibad im Zweigkanal Linden südlich des Dorfes betrieben (heute Yachthafen). In den 1950er Jahren hatte der Schiffsverkehr auf dem Zweigkanal stark zugenommen, was zu Verschmutzungen und einer Verschlechterung der Wasserqualität führte. Die Gemeinde ging davon aus, dass diese dem Badebetrieb unzuträglichen Verhältnisse sich noch weiter verschlechtern würden, weshalb Planungen für ein neues Freibad aufgenommen wurden. Es war die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders in Westdeutschland, der Gemeinde ging es gut, und man glaubte an weiteren Aufschwung.
1961 wurde eine Vorplanung für ein „Sportgelände“ auf der Junkernwiese aufgestellt, einige Privatgrundstücke dort wurden von der Gemeinde aufgekauft. Das teilweise deutlich tiefer als heute liegende Gelände wurde für die Anlage des Freibades mit ca. 50.000 cbm Boden angefüllt. (Wir müssen uns das ursprüngliche Terrain also stellenweise noch um einiges tiefer vorstellen als heute im Bürgerpark.) Auf der so vorbereiteten Fläche wurde 1966 das Freibad gebaut.

Das Bad wurde im Jumi 1967 eröffnet. Die Gesamtfläche einschließlich der Liegewiesen betrug etwa 2 Hektar. Die Seelzer waren damals sehr stolz auf ihr großzügiges, modernes Freibad, und die Badegäste kamen anfangs in Scharen nicht nur aus Dörfern, die heute zur Stadt Seelze gehören, sondern beispielsweise auch aus Havelse, Garbsen und Stöcken.

Wie aus dem Ortsplan der Gemeinde Seelze von 1967 (s.u.) ersichtlich ist, verlief der Weg zum Eingang des Freibades (bei der Wärmehalle) anfangs nicht über die später angelegte Grand-Couronne-Allee, sondern über das Gelände des heutigen Schulzentrums, beginnend etwa vor der heutigen Anne-Frank-Schule. Dieser Weg über die Wiese ist auch schon in der Preußischen Landesaufnahme von 1898 (s.o.) verzeichnet.

Als nächtes entstanden neben dem Freibad eine Minigolfanlage (Pachtvertrag mit der Gemeinde 1970 geschlossen) und 1969/70 ein Bolzplatz am Fuß des Rodelbergs. Für den geplanten Bau eines Hallenbades musste 1969 der seit 1914 bestehende Schießstand aufgegeben werden. Den Seelzer Schützen wurde ein Grundstück für eine neue Schießanlage und ein Schützenhaus in Aussicht gestellt – wiederum auf der Junkernwiese.

Die Grand-Couronne-Allee wird gebaut und eingeweiht

Im Juni 1969 wurde vom Gemeinderat der Bebauungsplan 27 „Junkernwiese“ beschlossen. Schon im Mai 1969 war eine neue, noch recht provisorische Straße zum Freibad angelegt und erhielt anlässlich des Abschlusses der Partnerschaft zwischen der Gemeinde Seelze und der französischen Gemeinde Grand Couronne den Namen Grand-Couronne-Allee.

Der nördlich an die Grand-Couronne-Allee grenzende große Parkplatz wurde nach der Fertigstellung auch als Festplatz (Schützenfest) genutzt. Im Oktober 1976 wurde hier der erste Seelzer Wochenmarkt eröffnet, mangels Zulauf in der Ortsrandlage wurde er aber schon im September 1977 auf den Schulhof an der Hannoverschen Straße (heute Rathausplatz) verlegt.

Hauptschule, Sonderschule, Sporthalle und Hallenbad:

Die Junkernwiese wird bebaut

Nachdem der alte Weg zum Eingang des Freibades nun nicht mehr benötigt wurde, konnte der südwestliche Bereich des Junkernwiesengeländes nahe dem alten Dorfkern bebaut werden. Dort entstanden eine neue Hauptschule (in den 1960er Jahren noch Volksschule genannt, Fertigstellung im August 1970), eine neue Sonderschule (Einweihung Februar 1971 – ab 1974 Anne-Frank-Schule genannt, heute Förderschule) und eine Sporthalle (Einweihung April 1971).

Nachdem der alte Schießstand beseitigt war, wurde Am Wehrberg, südlich an das Freibad anschließend, ab Mai 1970 ein Hallenbad errichtet. Eröffnet wurde es im Oktober 1971.

Das Bauen geht weiter:

Jugendzentrum, Realschule, Schützenhaus …

Ab Ende 1974 wurde am Ostrand der Junkernwiese (am damaligen Stichweg Am Wehrberg – s. Ortsplan 1967, heute Marienwerderallee) ein Gebäude für ein Jugendzentrum und eine DLRG-Station gebaut (Fertigstellung 1975).

Bereits im Sommer 1974 hatten Jugendliche sich mit Genehmigung der Gemeinde nahe dem Bauplatz eine „Kokelhütte“ gebaut, die am 2. November 1974 eingeweiht wurde. Schon im Februar 1975 brannte diese Hütte ab. Später entstand etwa dort ein öffentlicher Grillplatz.

1975 wurden die neue Hauptschule und die Sonderschule durch einen Neubau für die Realschule (bis dahin im Gebäude der heutigen Grundschule Seelze, Humboldtstraße 10) ergänzt, der sich östlich an die Hauptschule anschloss. Im Sommer 1976 konnte die Realschule dort einziehen.

Zur gleichen Zeit wird weiter das Konzept für ein „Erholungsgebiet Junkernwiese“ umgesetzt, indem eine Fußgängerbrücke über die Leine Richtung Havelse, Marienwerder, Letter gebaut wird (Beginn 1975, fertig im Frühjahr 1976). Die neue Brücke war (und ist) erreichbar über einen Weg vom Ende der Marienwerderalle (gegenüber dem Jugendzentrum am Schützenhaus vorbei).

Gegenüber dem neuen Jugendzentrum an der Marienwerderallee, am (noch provisorischen) Weg zur neuen Leinebrücke wurde ab 1976 ein neues Schützenhaus mit Schießanlage gebaut, nachdem bereits im Februar 1974 mit den Schützenvereinen ein Erbbauvertrag geschlossen worden war. Im März 1977 konnten die Schützen dort endlich ihren Einzug halten.

Ebenfalls 1976 wurde auf dem Platz der früheren „Kokelhütte“ unweit des Jugendzentrums ein öffentlicher Grillplatz angelegt. Auch diese Anlage wurde im Frühjahr 1977 fertiggestellt.

Die Arbeiten für die bereits im März 1971 beim Regierungspräsidenten beantragte Eindeichung der Junkernwiese entlang der Leine begannen schließlich im Herbst 1977. Die Ausbreitung der Leinehochwasser in das natürliche Überschwemmungsgebiet der Junkernwiese hinein konnte dadurch eingeschränkt werden. Mit dem Deichweg bis zur Fußgängerbrücke über die Leine und weitere Spazierwege wurde das Erholungsgebiet in den nächsten Jahren weiter erschlossen.

Das Freibad wird geschlossen

und das Schulzentrum wird erweitert

Schon ab den späten 1970er Jahren belasteten wachsende Zuschüsse für das Freibad die Stadtkasse zunehmend: zu niedrige Besucherzahlen, auch in warmen Sommern; hohe Unterhaltskosten, die mit den Jahren zunahmen; die anfängliche Beheizung des Wassers war schon früh aus Kostengründen wieder eingestellt worden.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wusste sich die Stadt Seelze keinen anderen Rat, als das Freibad zu schließen, was im Mai 1989 durch Zuschüttung des Schwimmerbeckens in die Wege geleitet wurde. Ein kleinerer Teil des Geländes mit dem alten Nichtschwimmerbecken wurde in den nächsten Jahren bei günstiger Witterung für die Nutzer des Hallenbades geöffnet.

1993 wurde für die damalige Orientierungsstufe (Schulform in Niedersachsen für die 5. und 6. Jahrgänge zwischen Grundschule und weiterführenden Schulen; bestand 1972 bis 2004) ein neues Gebäude auf dem Gelände des Schulzentrums errichtet, östlich der Realschule, an das frühere Freibadgelände grenzend. (2004 wurde in dem Gebäude die Hauptschule untergebracht, die aus Letter nach Schließung der dortigen Hauptschule den Namen „Geschwister-Scholl-Schule“ übernommen hat).

Seelze bekommt einen „Bürgerpark“ auf der Junkernwiese

Für den Großteil des ehemaligen Freibadgeländes, soweit es nicht dem Hallenbad zugelegt wurde, sollte Anfang der 1990er Jahre ein Konzept für einen „Bürgerpark“ erarbeitet werden. Dieses Gestaltungskonzept wurde 1996 vom Rat der Stadt beschlossen. Die ehemalige Wärmehalle des Freibades am Ende der Grand-Couronne-Allee wurde in der Folgezeit abgerissen zugunsten eines neuen Eingangsbereichs für den Bürgerpark. Ein seinerzeit neu angelegter Weg führt von dort in einem Bogen über das Gelände bis zur Marienwerderallee (Jugendzentrum, Schützenhaus), wo er sich an den Weg zur Fußgängerbrücke und weiter in die Leineaue anschließt.

Mit Hilfe von Spendengeldern konnte 1996 das Projekt „Kunst an der Leine“ mit Kunstwerken entlang dem Deichweg realisiert werden. (Siehe unten 3 Fotos von 1996.)

Eine Fläche im Bereich des Planschbeckens des geschlossenen Freibades wurde für die Nutzung als Biergarten verpachtet. Das frühere Planschbecken ist heute zu einem Teich umgestaltet. (Siehe unten Foto von 2010.)

 

Schließung des Hallenbades wegen Bauschäden

Bei einer sicherheitstechnischen Überprüfung des Hallenbades stellte sich im Frühjahr 2005 heraus, dass die 35 Jahre alte Dachkonstruktion des Hallenbades nicht mehr sicher war und unter ungünstigen Umständen (z.B. durch Schneelast) einstürzen könnte. Die Stadtverwaltung sah sich daraufhin gezwungen, das Bad umgehend zu schließen. Angesichts der hohen Kosten und der gleichzeitigen finanziellen Misere der Stadt Seelze war an eine Sanierung oder einen Neubau in kommunaler Eigenregie kaum zu denken. Daher wurde nach einem Investor gesucht, der interessiert wäre, an dem Standort ein Spaß- oder Wellnessbad zu errichten. Seelze sollte weiterhin ein Schwimmbad haben, aber dies sollte die Stadt möglichst wenig kosten.

Investor gesucht!

Interessiert zeigte sich die Kristallbäder AG mit Sitz in der Nähe Nürnbergs, die schon diverse Wellnessbäder in ganz Deutschland betrieb. Das Projekt wurde jedoch in Seelze zu einem öffentlichen Zankapfel, um den es noch jahrelangen Streit geben sollte. Im Juli 2006 wurde ein Vertrag zwischen der Stadt und der Kristallbäder AG geschlossen, der aber schon im November 2006 vom Rat der Stadt gekippt wurde – Kommunalwahlen hatten die politischen Mehrheiten geändert. Nach der Vertragsauflösung wurde das Investitionsprojekt nun europaweit neu ausgeschrieben. Über ein Jahr verging, bis im Frühjahr 2008 erneut die Kristallbäder AG den Zuschlag erhielt und ein neuer Vertrag über den Bau einer Wellnesstherme unter Einbeziehung des alten Hallenbades und von Teilen des alten Freibadgeländes geschlossen wurde (s. Zeitungsartikel vom 1. März 2008).

Bau und Eröffnung der „Kristall-Therme“

Im Juli 2008 begann der Abriss der alten Schwimmhalle Am Wehrberg, die Schwimmbecken wurden saniert und in die neue Anlage einbezogen. Ein Jahr darauf, im Juli 2009, konnte das Richtfest für die neue „Kristall-Therme“ gefeiert werden, und kurz vor dem Jahresende, am 17. Dezember 2009, wurde die neue Anlage eröffnet. Alle Seelzer Einwohner/innen erhielten mit einer Freikarte die Möglichkeit, die lange umstrittene Therme kostenlos in Augenschein zu nehmen.

Neugestaltung des Bürgerparks

Mit Hilfe von Fördermitteln konnten ab 2009 im Rahmen des Projekts „Gartenregion Hannover“ Teilbereiche des Bürgerparks neu gestaltet und damit der Park aufgewertet werden.

Erweiterung des Schulzentrums um eine Mensa

2010/11 wurde, mit Fördermitteln des Bundes und des Landes Niedersachsen, das Schulzentrum um ein Mensagebäude erweitert, das im Bereich zwischen der Anne-Frank-Schule und der Turnhalle an einen Flügel der früheren Hauptschule (heute Teil der Humboldt-Realschule) angebaut wurde.

Wohnungsbau auf ehemaligem Hallenbadgelände

Seitdem die Kristall-Therme das alte Hallenbad ersetzt hat, bekommt man vom Wehrberg, wo früher der Eingang zum Hallenbad war, nur noch die Rückseite der Schwimmhalle zu sehen.

Da die Fläche zwischen neuer Schwimmhalle und Straße Am Wehrberg von der Kristall-Therme nicht benötigt wurde, suchte die Stadt einen Investor, der dieses Grundstück mit Wohnhäusern bebauen will. Im Herbst 2011 ist der Investor dabei, Bauwillige für sechs Reihenhäuser zu suchen.

Norbert Saul, Stadtarchiv Seelze

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