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Seelzes Gleichstellungsbeauftragte ruft zu gerechter Aufgabenteilung und Entlohnung auf

Zum Internationalen Frauentag am 8. März sowie zum Equal Pay Day in Deutschland am 10. März hat Seelzes Gleichstellungsbeauftragte Gabriela Giesche in einem Positionspapier verdeutlicht, wie sehr althergebrachte Geschlechterrollen sowie ungleiche Einkommen zwischen Männern und Frauen bis heute vorherrschen. Diese Erkenntnis sei durch die Corona-Pandemie noch einmal verstärkt worden.

„In vielen Bereichen der Gleichstellung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf befanden wir uns bereits auf einem fortschrittlichen Weg. Die typischen Rollenzuweisungen waren doch gerade auf dem Rückzug, oder?“, hinterfragt Gabriela Giesche die Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Der machoistisch geprägte Spruch der Siebziger Jahre, Frauen gleichzusetzen mit KKK – Kinder, Küche, Kirche – eine konservativ geprägte Redewendung längst vergessener Tage?“ Ihre Antwort auf diese selbstgestellten Fragen fällt ernüchternd aus: Die Corona-Pandemie habe deutlich aufgezeigt, wie stark tradierte Geschlechterrollen in der Gesellschaft noch immer verinnerlicht sind. „Denn ungeachtet der Lebensrealität des mittlerweile dominanten Modells von Zwei-Verdiener-Paaren und Alleinerziehenden wurde die Kinderbetreuung und der Schulunterricht auf die Familien übertragen. Die drei K´s haben wieder Fahrt aufgenommen und wurden, modern verpackt, quasi über Nacht, durch drei H´s – Home-Schooling, Homeoffice und Hausarbeit – abgelöst“, betont sie. So seien es insbesondere Frauen, die zwischen Homeoffice, Home-Schooling und Hausarbeit „jonglieren“, die systemrelevante unterbezahlte Arbeit ausüben und sich vornehmlich für die Pflege naher Familienangehöriger in der Verantwortung sehen. 

Gabriela Giesche verweist dazu auf kürzlich veröffentliche Erkenntnisse: Laut einer aktuellen Studie von Mareike Bünning, Lena Hipp und Stefan Munnes vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) im November 2020 sind Frauen diejenigen, die den größten Anteil an der Familienarbeit leisten. Demnach gaben 69 Prozent der Frauen an, dass sie die generelle Hausarbeit erledigen, während unter den befragten Männern gerade einmal 11 Prozent für sich behaupteten, die Rolle der familiären Hausarbeit überwiegend allein zu übernehmen. Ähnlich verhält es sich der Studie zufolge bei der Kinderbetreuung und beim Homeschooling: Während laut Auskunft der Frauen jeweils mehr als die Hälfte von ihnen die hier anfallenden Aufgaben übernehmen, geben dies von den Männern nur 13 beziehungsweise 15 Prozent an.

Diese höhere Belastung der Frauen wirke sich selbstverständlich auch auf das Berufsleben aus. „Die Verteilung der Familienarbeit in Haushalten mit minderjährigen Kindern spiegelt auch den Anteil an der Erwerbstätigkeit von Frauen wider“, erläutert Gabriela Giesche. So übten laut einer vom Statistischen Bundesamt in Auftrag gegebenen Studie im Jahr 2019 von den erwerbstätigen Frauen 66,2 Prozent eine Teilzeitbeschäftigung aus, während nur 6,4 Prozent der erwerbstätigen Männer einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen. „Teilzeitbeschäftigungen, insbesondere im Niedriglohnsektor, bieten in der Regel jedoch keine ausreichende Grundlage der Existenzsicherung“, hebt die Gleichstellungsbeauftragte hervor. Eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit verdeutliche, dass die Berufsfelder, in denen Frauen, überwiegend tätig sind, oft nach wie vor im Niedriglohnsegment liegen – sei es in den Krankenhäusern mit einem Frauenanteil von 76 Prozent, im Einzelhandel mit rund 73 Prozent und in Kindertagesstätten mit fast 93 Prozent. Auch in den Pflegeberufen und im Hotel- und Gaststättengewerbe seien überwiegend Frauen tätig.

Doch es gebe auch positive Entwicklungen: Der Wille der Väter zur gleichberechtigten Aufgabenverteilung sei durchaus vorhanden. „Bereits 60 Prozent der jungen Väter und Mütter wollen ein Lebensmodell, in dem beide in gleichem Maße erwerbstätig sind. Jeder dritte Vater möchte gerne seine Arbeitszeit reduzieren“, sagt Gabriela Giesche mit Verweis auf den ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, aus den klar hervorgeht, dass sich Paare und Eltern mehrheitlich eine partnerschaftliche Aufteilung der „Familienarbeit“ wünschen.

„Daran zu erinnern, dass wir gesellschaftspolitisch im Sinne der Gleichberechtigung noch viele Vorwärtssprünge vor uns haben, für die wir uns einsetzen und kämpfen müssen, das ist immer noch zeitgemäß“, erklärt Seelzes Gleichstellungsbeauftragte vor diesem Hintergrund. „Wie durch eine Lupe können wir in dieser pandemiegeprägten Zeit sehen, was sich in unserem gesellschaftlichen Miteinander in Sachen Gleichstellung noch verändern muss, um nicht gleichstellungspolitisch eher eine Rückwärtsrolle hinzulegen“, betont sie. Die Pandemie habe den Blick für die systemrelevanten aber unterbezahlten Berufszweige geschärft, deren Lohnniveau aufgewertet werden muss. Sie habe den rasanten Einzug der Digitalisierung in das Berufs- und Privatleben eröffnet, die einen neuen Weg der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten kann. „Und wir wurden in familiäre Situationen gesteuert, die uns zwingen partnerschaftliche Rollenaufteilungen neu zu überdenken“, sagt Gabriela Gische.

Deshalb appelliere sie an alle Menschen, diese Zeit der Corona-Pandemie als eine gesellschaftliche Phase der Umorientierung zu mehr Gleichberechtigung zu nutzen. Besondere Anlässe wie der Internationale Frauentag und der Equal Pay Day sowie viele weitere Termine im Jahr würden daran erinnern, dass es weiter wichtig sei, dafür zu kämpfen. Diese Tage seien zeitgemäß und dringend erforderlich – auch jetzt und erst recht nach der Pandemie, betont Gabriela Giesche.